Mahnwache Hamburg

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Katrin McClean – Der deutsche Traum vom guten Krieg

Am 16.06.2014 hielt Katrin McClean diese Rede auf der 12. Hamburger Mahnwache.

In den letzten Wochen begegnet mir immer wieder das Argument, man könne die Kriegseinsätze der NATO nicht einseitig verurteilen, schließlich sollten wir uns doch mal daran erinnern, dass uns die USA vom Faschismus befreit hätten. Auch Präsident Gauck, den ich momentan lieber als Bundesfeldprediger bezeichne, bezieht sich gern auf diesen Teil unserer Geschichte, und meint, wir sollten, ähnlich wie die USA 1945 bei uns, verantwortungsvoll andere Völker von ihren Diktatoren befreien.


Ich versuche mir gerade anzugewöhnen, auf diesen Hinweis auf unsere vermeintliche historische Schuld sehr ruhig und auch ausführlich einzugehen. Denn ich glaube, hier handelt es sich um einen Irrtum, der in Deutschland tief verankert ist. Ich nenne diesen Irrtum den deutschen Traum vom guten Krieg. Um seine Entstehung zu begreifen, muss man auf den Vorschlag entsprechender Argumentatoren eingehen und tatsächlich noch mal auf das Ende des zweiten Weltkrieges zurückgehen.  Deshalb bitte ich den Leser um ein wenig Geduld. Ca. 4 Manuskriptseiten wird es jetzt schon dauern. Also, fangen wir an:

1942 hatte Nazideutschland seine Nachbarländer unter seine diktatorische Herrschaft gebracht, hatte Millionen von Soldaten und Zivilisten getötet und war im Osten bis Stalingrad vorgedrungen. 1943 gelang es der Sowjetarmee nach der Schlacht um Stalingrad, die Wehrmacht zurückzudrängen, bis sie 1945 in Berlin ankamen. In dieser Zeit haben 13 Mio russische Soldaten und 17 Mio. russische Zivilisten ihr Leben verloren. Nochmal zum Mitschreiben: 30 Millionen Russen starben im Krieg gegen Nazideutschland.
Wisst ihr, wie viele US-amerikanische GI’s im 2. WK starben? 300.000.
Als neulich mit großem Medienaufwand der Jahrestag der Ankunft der Alliierten, der sogenannte D-Day in Frankreich gefeiert wurde, wurde der russische Präsident Putin an den diplomatischen Katzentisch verbannt. Obama gedachte währenddessen vor der Weltpresse mit pathetischer Geste seinen gefallenen Landsleuten. Ohne den Kampf der russischen Armee wären die GI’s niemals gekommen. Der D-Day war am 6. Juni 1944. Da hatte Russland die Niederlage Deutschlands bereits vorbereitet und der Ausgang des Krieges war vorhersehbar.
Nicht ein Wort darüber vom Nobelpreisträger Obama während seiner Rede in der Normandie. Ich habe Putins stoische Geduld an diesem Tag sehr bewundert.
Aber nicht nur das Millionenopfer der Russen wurde an diesem Tag unter den Tisch gekehrt.

Der 2. WK war nicht nur der bis dato größte Krieg mit den meisten Gefallenen. Er war auch der erste Krieg in unserer Geschichte, in dem in gigantischem Maße Luftwaffen gegen zivile Ziele eingesetzt wurden. Angefangen hat Hitler, keine Frage. Die Nazi-Bombardements von Warschau, Leningrad, Coventry und anderen Städten waren grausam und mit nichts zu rechtfertigen. Die Alliierten schlugen entsprechend grauenvoll zurück. Das war schrecklich, aber auch noch folgerichtig.  Große Teile Hamburgs wurden 1943 durch sogenannte Vergeltungsschläge zerstört. Schon im  Oktober 1944 war der Luftwaffenkrieg der Alliierten gewonnen. Alle Produktionsstätten und Benzinressourcen der deutschen Luftwaffe waren vernichtet, Deutschland konnte nicht ein einziges Bombenflugzeug mehr starten. Ende Januar 1945 stand die russische Armee an der ostdeutschen Grenze. Das Kriegsende war nur noch eine Frage der Zeit.
Und jetzt nenne ich einfach nur ein paar Zahlen:

13. Februar 1945, Dresden, 22.000 Tote
23. Februar 1945, Pforzheim, 18.000 Tote
30. März 1945, Berlin, 20.000 Tote
4. April 1945, Nordhausen, 8.000 Tote

Die Liste ist noch viel länger. Insgesamt sind etwa 500.000 Menschen in den Flammen der alliierten Luftangriffe gestorben. Und die meisten, größten und grausamsten Bombenangriffe wurden von Februar bis April 1945 geflogen. Zu einem Zeitpunkt, als der Krieg de facto schon entschieden war. Und ohne jegliche militärische Notwendigkeit.
Die Kapitulation der Wehrmacht wurde nicht durch die Luftangriffe erzwungen. Die deutschen Oberbefehlshaber kapitulierten, nachdem russische und alliierte Bodentruppen Deutschland vollständig besetzt hatten.

Ihr fragt euch vielleicht: Warum müssen wir uns an all das noch mal erinnern?
Ich glaube, weil wir seit Generationen mit einem blinden Fleck in unserem Geschichtsbewusstsein leben.
Neulich las ich zufällig das Tagebuch eines Mädchens, das 1943 16 Jahre alt war und in Hamburg lebte. Nach der tagelangen Bombardierung durch die Operation Gomorrha schrieb es: „Es ist unvorstellbar, was wir erleben. Wie können Menschen so etwas tun? Wie können sie aus Flugzeugen herab so viel Leid und Tod über uns bringen? Das können keine Menschen sein. Das müssen Tiere sein.“
Der jüngere Bruder dieses Mädchens, heute um die Siebzig, erklärte mir schnell: „Naja, das dürfen Sie nicht so ernst nehmen. Meine arme Schwester war damals von der Nazipropaganda völlig verdummt.“
Er sagte das, als hätte ein 16-jähriges Mädchen kein Recht auf solche Fragen. Als könne es nicht einfach von sich aus verzweifelt über diese Erlebnisse sein.
In unseren Medien gibt es viel Vergangenheitsbewältigung. Die Erinnerung an die Nazis hat nie aufgehört, ich habe sogar den Eindruck, sie wird in letzter Zeit exzessiver denn je ausgeübt. Aber wie haben die Deutschen das Trauma des apokalyptischen Infernos in unseren Städten verarbeitet? Ich vermute, jeder, der es nach dem Krieg wagte, diese Bombardements infrage zu stellen, wurde so wie dieses junge Mädchen sofort als unverbesserlicher Nazi beschimpft.
Die GI’s, die zuvor deutsche Städte bombardiert hatten, brachten den Überlebenden Kaugummis, Schokolade und die unermüdliche Propaganda, dass nicht ihre Armee Deutschland verwüstet hat, sondern dass Hitler die Schuld für alles trage. In diesem Bewusstsein leben die meisten Menschen in Deutschland noch heute. Schuld an der Zerstörung deutscher Städte ist Hitler. Das ist natürlich nicht völlig falsch, aber auch nicht ganz richtig. Die Entscheidung, am Ende eines bereits entschiedenen Krieges Deutschland in ein flammendes Inferno zu verwandeln, war eine Entscheidung der Alliierten. Der Begriff „moralische Bombardements“ ist eine Erfindung der britischen Luftwaffe.
Und ich behaupte: Mit dem Kampf gegen Nazi-Deutschland haben sich die USA erstmals eine Scheinlegitimation erworben, um ihr Image als Weltpolizist aufzubauen. Und mit diesem Image errichten sie nach und nach ihre Militärdiktatur auf der Welt, die sie blasphemisch als moralische Führungsmacht bezeichnen.
Seit dem Ende des 2. WK  haben die USA zwei Atombomben-Massaker verübt. Sie haben einen Napalmkrieg in Vietnam geführt, zahllose kleine und mittelgroße militärische Massenmorde angerichtet, die hier kaum bekannt sind. Wie etwa die angebliche Befreiung Panamas von seinem Diktator Noriega, in der 3000 unschuldige Zivilisten starben.
In den letzten 25 Jahren haben US-Militärs im arabischen Raum über eine Millionen Menschen getötet. Immer aus angeblich humanitären Gründen, aber in keinem dieser Länder hat sich die soziale Lage der Menschen verbessert. In keinem. Im Gegenteil. Mit unermüdlichen Waffenlieferungen und fleißigen Geheimdienstaktionen gießt man immer wieder Öl in das Feuer der Bürgerkriege. Spätestens seit Jugoslawien ist auch Deutschland dabei. Und trotzdem herrscht bei uns immer noch der Glaube, Bombenpiloten seien nur unterwegs, um Kaugummi und Demokratie vorbeizubringen. Wie geht das?
Ich habe neulich bei dem Schriftsteller Wolfgang Schorlau ein Zitat aus einem Handbuch der amerikanischen Luftkriegsführung gefunden. Hier wird der Krieg gegen Zivilisten so erklärt. „Es geht nicht darum, das feindliche Militär zu schlagen, wie in früheren Zeiten. Es geht darum, die Bevölkerung des angegriffenen Landes zu zwingen, die Position des Angreifers zu akzeptieren.“
Die Bombenangriffe in der letzten Phase des zweiten Weltkriegs haben die Deutschen nicht von Hitler befreit. Der war zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie erledigt. Sie waren der Wegbereiter für das, was Deutschland heute ist. Ein wirtschaftlicher und militärischer Vasallenstaat, auf den sich die USA verlassen können. Als drittgrößter Waffenexporteuer, strammes NATO-Mitglied und Gastgeber für 20 US-Militärbasen sind wir praktisch das europäische Standbein des US-Militärs. Befreiung von Faschismus sieht anders aus.
Die USA haben den Faschismus nicht besiegt. Im Gegenteil. Sie haben Hitlers Strategie übernommen. Hitler hat als erstes den konventionellen Kriegsbegriff über den Haufen geworfen und im Namen des Krieges seine Luftwaffe gegen wehrlose Opfer eingesetzt. Das Verbrechen von Hitler ist heute für die USA bzw. die NATO-Länder zur Selbstverständlichkeit geworden.
Wenn sich in der Ost-Ukraine Leute bewaffnen und öffentliche Gebäude besetzen, weil sie sich von einer militanten Macht bedroht fühlen, dann würde ich diese Männer als Partisanen bezeichnen. Aber nicht als Terroristen! Für mich sind Terroristen diejenigen, die jedes Gespräch ablehnen und stattdessen öffentliche Gebäude und Wohnhäuser bombardieren.

Die Zerstörung Dresdens mit Phosphorbomben war keine Befreiung, das war Terrorismus. So wie die Zerstörung aller deutschen Städte in den letzten Kriegsmonaten Terrorismus war. Doch unseren Eltern und Großeltern hat man eingebläut, dass das, was bei den Nazis ein Verbrechen war, etwas Gutes ist,
wenn es von den Alliierten im totalen Exzess verübt wird.
Bis heute darf man diese Verbrechen praktisch nicht infrage stellen. Stattdessen soll man unermüdlich die letzten versprengten Neonazis jagen.

Was macht Obama jetzt im Irak? Seine Soldaten haben zu Recht die Nase voll, sich von Extremisten beschießen zu lassen, die mit deutschen und amerikanischen Waffen gegen sie in den Krieg ziehen. Es ist keine humanere Lösung, wenn Obama seine Soldaten abziehen will, um sie durch unbemannte Drohnenangriffe ersetzen. Das ist nur die letzte Konsequenz des US-Terrors. Morden ohne jegliches persönliches Risiko.
Es gibt keinen humanen Krieg. Krieg ist immer Morden und Krepieren.
Ich werde oft gefragt: Wie willst du die Krisenregionen denn sonst befrieden?
Ich denke, die Antwort kann nicht im militärischen Bereich liegen. Man kann Feuer nicht mit Feuer löschen. Krieg hat immer Ursachen, die man angehen kann. In einer Krisenregion muss soziale Gerechtigkeit geschaffen werden und menschenwürdige Lebensbedingungen. Man braucht eine Entwaffnung aller Seiten, Diplomatie und echte Wirtschaftshilfe ohne Schuldenfalle. Wenn ich so antworte, höre ich oft, ich sei naiv. Naiv ist für mich, wer glaubt, ein Massenmörder könne humane Absichten haben.

Die USA und Deutschland verdienen durch ihre Waffengeschäfte Milliarden. Gerade jetzt steigen die Exporte nach Saudi-Arabien um 25 %, obwohl bekannt ist, dass Saudi-Arabien Waffen in alle arabischen Krisenregionen liefert. Die USA setzen über 600 Mrd. ihrer Steuergelder für Rüstungsausgaben ein. Das ist fast so viel, wie der Rest der Welt zusammen ausgibt. In den USA sterben jährlich 30.000 Zivilisten durch den Einsatz von Handfeuerwaffen. Die USA und ihre Rüstungsfirmen betreiben ein riesiges Geschäft mit dem Tod. Das ist alles.

Und wenn wir von der NATO sprechen, sie ist letzten Endes nur ein Verein, der von den USA kontrolliert und befehligt wird. Ich kenne einige Leute, die behaupten, die NATO will keinen Krieg. Aber man sollte sich mal folgenden Satz zu Gemüte führen.

„Die NATO will Frieden.“
Das ist so, als würde ich behaupten: Der Hamburger Hafen will den Schiffsverkehr abschaffen.

Unseren Eltern und Großeltern hat man das Märchen vom guten Befreier ins Bewusstsein gebombt. Wir müssen uns endlich darüber hinwegsetzen. Wir haben keine Schuld zu begleichen! Wir machen uns schuldig, wenn wir dem Morden von deutschem Boden aus untätig zusehen.
Dafür wollen wir keine Verantwortung übernehmen, Herr Gauck!
Und deshalb halte ich es für eine der wichtigsten Forderungen der deutschen Friedensbewegung: Schafft die US-Militärbasen auf unserem Boden ab. Und fangt bitte mit der Drohnenzentrale Rammstein an! Keine Drohnen auf den Irak!

Wenn Barack Obama es für notwendig hält, Kriege mit Kriegen zu bekämpfen, dann soll er bitte selber in den Irak fliegen und mit einem Gewehr in der Hand seine Friedensmission erfüllen. Und wenn Herr Gauck meint, das sei eine verantwortungsvolle Tat, dann kann er ihn ja begleiten.

1 Comment

  1. Eine sehr gute rede, was uns alle zum Nachdenken anregen sollte. Allerdings auch ein Thema wo man nicht selten auf Taube Ohren stößt.

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