Warum ich mich empöre

Redebeitrag von Jens Böckenfeld bei der SPIEGEL-Demonstration unter dem Aufruf “Stoppt die Kriegspropaganda – Empört euch jetzt!

Eigentlich bin ich ja kein Freund davon für jedes Thema eine Demo zu organisieren: Da gibt es ja z.B. den March against Monsanto, die Lampedusa Demo und diverse Friedensdemos zu den Konflikten in Israel, der Ukraine, Syrien oder anderen Brennpunken. Ich bin der Meinung, dass alle Konflikte auf dieser Welt Symptome unserer Gesellschaft sind. Deswegen stehe ich hinter dem breit aufgestellten Ansatz der Mahnwachen für Frieden ganz allgemein einzustehen. Dort geht es nicht nur darum auf Fehlentwicklungen oder Konflikte hinzuweisen, sondern auch darum, was jeder einzelne für mehr Frieden in der Welt beitragen kann. Also ganz nach Sokrates: „Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen.“

Wir stehen hier heute alle außerhalb der Mahnwache am Montag, weil wir uns über die Berichterstattung des Spiegels empören. Ich habe auch einen ganz persönlichen Grund, warum ich hier stehe.

Deswegen möchte ich mit einer Anekdote beginnen:

Im Sommer 2011 war ich in Rheine in einem Fitnessstudio. Da stand ein junges Mädel am Tresen, das mir gefallen hat. Ihr kennt das vielleicht, manchmal sieht man einen Menschen, der über das ganze Gesicht am Strahlen ist und einem sofort gefällt. Ich bin zu ihr hin und habe sie gefragt, ob sie mit mir etwas trinken gehen will. Das haben wir dann auch direkt an diesem Abend gemacht. Sie erzählte mir von ihren Zukunftsplänen und war voller Lebensfreude. Wir sind dann zwar über Facebook im Kontakt geblieben, aber – ihr wisst ja wie das oft ist – wurde der Kontakt danach dann immer weniger.

Vorletzten Sonntag habe ich dann bei Facebook das Cover vom Spiegel mit der Aufschrift „Stoppt Putin jetzt“ gesehen. Dort waren auch viele Bilder von Menschen abgedruckt. Und wessen Gesicht habe ich da wiedererkannt? Das von Olga, dem Mädel aus dem Fitnessstudio aus Rheine. Ich dachte zuerst, dass all diese Menschen sich kritisch gegen Putin geäußert hatten. Also wollte ich Olga direkt schreiben, was sie, die sogar russische Wurzeln hat, gegen Putin zu sagen hat. Dann habe ich aber das Kreuz unter ihrem Bild entdeckt. Langsam wurde es mir klar: Olga saß in der MH17, die am 17.7. in der Ostukraine abgeschossen wurde. Und nun ist sie tot!

Nach dem ersten Schock habe ich zuerst recherchiert, ob sie tatsächlich in dem Flieger gesessen hat. Laut Berichten soll sie mit ihrem Freund auf den Weg über Kuala Lumpur nach Bali gewesen sein. Leider klang das alles für mich sehr plausibel und die Hoffnung, dass sie vielleicht doch nicht in der Maschine saß wurde somit zerstört.

Ein Gefühl aus Trauer und Wut machte sich in mir breit.

Warum musste so ein junger und lebensfroher Mensch wie Olga in diesem Krieg sterben?

Wie respektlos ist es vom Spiegel, das Gesicht von Olga und die Gesichter der anderen Opfer für diese Kriegspropaganda zu benutzen?!

Wie wütend müssen ihre Angehörigen über das ungefragte verwenden ihres Gesichts sein?

Als ich am Wochenende mit meiner Freundin im Flieger nach Paris saß, habe ich mich gefragt, wie wohl die letzten Minuten von Olga waren? Ist Panik im Flugzeug ausgebrochen? Was ging in ihrem Kopf vor? War es ein schneller oder qualvoller Tot?

Um zu sehen, was der Spiegel denn genau schreibt, habe ich mir das Heft besorgt. Zum Glück gibt es ja Quellen, wo man nichts dafür zahlen muss. In dem Hauptartikel „Spätes Erwachen“ geht es um die Sanktionen gegen Russland. Hervorzuheben ist, wer diesen Artikel geschrieben hat. Unter den neun Redakteuren, befinden sich:

Nikolaus Blome, er ist Mitglied der Chefredaktion, Leiter des Hauptstadtbüros und war stellvertretender Chefredakteur bei der Bild Zeitung.

Zudem auch noch Michael Sauga, er leitet das Ressort Wirtschaft.

Zu den Verfassern zählen also auch einflussreiche Spiegel-Redakteure.

In dem Artikel heißt es zum Schluss:

„Jüngst haben US-Behörden eine Neun-Milliarden-Dollar-Strafe gegen die französische Großbank BNP Paribas verhängt. Sie hatte US-Sanktionen gegen Iran, Kuba und Sudan verletzt. Diese Form von „soft power“ wendeten die USA inzwischen häufig an, sagt ein wichtiger deutscher Bankchef. Sie ersetzten damit militärische Einsätze, also „hard power“, zu denen die kriegsmüde Supermacht nicht mehr in der Lage sei. Heißt: Die Amerikaner haben von den Europäern gelernt. Jetzt müssen es die Europäer nur noch den Amerikanern nachmachen.“

Wir halten fest: Für die Redakteure sind Sanktionen „soft power“ und militärische Einsätze „hard power“. Die „kriegsmüde Supermacht“ USA ersetzt also militärische Einsätze mit Strafzahlungen bzw. Sanktionen. Dieses Vorgehen haben sie von den Europäern gelernt. Jetzt sollen wir es den Amerikanern nachmachen.

Da frage ich mich:

Was ist damit gemeint? Sollen die Europäer zur harten Kriegsführung übergehen? Und wer ist denn mit „den Europäern“ gemeint?

Ein Rückblick auf die letzten Spiegel-Cover lassen ein ziemlich bedenkliches Bild entstehen. Dort hieß es:

34/2008 „Der gefährliche Nachbar. Wladimir Putin und die Ohnmacht des Westens“

51/2013 „Der Halbstarke – Wie Putin die Demokratie und den Westen attackiert“

11/2014 „DER BRANDSTIFTER – Wer stoppt Putin?“

Man kann das Heft 31 mit dem Cover „Stoppt Putin jetzt!“ somit als weitere Zuspitzung der Töne gegen Putin oder gar als offene Kriegshetze ansehen!

Und wenn nicht, hätte sich der Spiegel ganz klar gegen eine doppeldeutige Formulierung entscheiden müssen!

In den sozialen Netzwerken wurde das Cover dann tausendfach kritisiert. Daraufhin sah sich der Spiegel gezwungen am Dienstag Stellung zu nehmen. Dort heißt es:

„Das Titelbild des aktuellen SPIEGEL mit der Zeile „Stoppt Putin jetzt!“ hat einige heftige Reaktionen ausgelöst – insbesondere in sozialen Netzwerken. Darunter waren auch organisiert auftretende, anonyme User, die schon seit Monaten jegliche Kritik an Russland mit einer Flut an Wortmeldungen in den Foren vieler Online-Medien kontern.“

Alleine, dass Kritiker wieder als Putin Freunde dargestellt werden, ist absolut anmaßend!

Ich möchte hier mal fragen: Wer wollte beim Spiegel einen Kommentar hinlassen oder hat dies tatsächlich gemacht? Bitte mal kurz die Hand hoch?

Lieber Spiegel seht her, hier stehen viele von diesen „organisiert auftretenden anonymen Usern“ die ihre Stimme für eine ausgewogene Berichterstattung erheben! Wir haben auch ein Gesicht und sind nicht anonym!

Auch in seiner Stellungsnahme bleibt der Spiegel dabei, dass Putin die alleinige Schuld für die Krise in der Ukraine trägt.

In dem ganzen Heft, so wie auch in den letzten Ausgaben zuvor, habe ich keinen Artikel darüber gefunden, wie die US-Regierung, NATO, EU, der IWF und westlichen Think-Tanks zur Entstehung der Krise beigesteuert haben. Und dass sie das haben, weiß jeder, der sich mal intensiver mit der Ukraine-Krise auseinander gesetzt hat.

Lieber Spiegel, objektive Berichterstattung sieht anders aus!

Wer sich eine objektive Berichterstattung zu dem Thema anschauen möchte, der kann z.B. auf mahnwache-hamburg.de gehen und dort den Artikel „Die Ukraine Krise und die Manipulation der Medien – Eine Zusammenfassung“ lesen.

Kommen wir wieder zurück zu dem Spiegel Heft: Dort findet man zu dem Absturz der MH17 einen Artikel mit der Überschrift „Europas Ground Zero“.

Da frage ich mich:
Werden mit dieser Überschrift nicht Parallelen zu 9/11 gezogen? Wie hat man denn auf 9/11 reagiert, waren es da auch nur Sanktionen? War denn 9/11 nicht auch die Ursache für die Kriege gegen Afghanistan und den Irak?

Auch wenn der Spiegel seine Artikel dadurch relativiert, indem er sagt, dass es nur darum geht „nichtmilitärische Druckmittel“ auszuschöpfen, sehe ich durch die Doppeldeutigkeit in den Formulierungen und der Tatsache, dass keine Beweise gegen Putin vorliegen, den Vorwurf von Kriegspropaganda als absolut zulässig.

Ich möchte mich aber nicht auf die Diskussion versteifen, ob der Spiegel nun Kriegspropaganda betreibt oder nicht. Fakt ist, dass es wohl bislang keinen Krieg ohne vorherige Eskalationsschritte gegeben hat. Das haben wir schon im Irak, Libyen oder Syrien gesehen. Es hat immer vorab Sanktionen gegen diese Länder gegeben. Nichtmilitärische Schritte gehen also offenbar immer militärischen Schritten voraus. Und wer diese nichtmilitärischen Schritte unkritisch unterstützt, macht sich für mich mitschuldig!

Der Reichskanzler Bernhard von Bülow hat 1909 in einer Rede gesagt:

„Die meisten Konflikte, welche die Welt im Laufe der letzten Jahrzehnten gesehen hat, sind nicht hervorgerufen worden durch fürstliche Ambitionen oder ministerielle Umtriebe, sondern durch leidenschaftliche Erregung der öffentlichen Meinung, die durch Presse und Parlament die Exekutive mit sich fortriss.“

Der Krieg beginnt also in den Köpfen der Menschen. Und was in den Köpfen der Menschen vorgeht, bestimmen zu einem nicht unwesentlichen Teil unsere Medien. Deswegen fordere ich den Spiegel – stellvertretend für alle Medien – hiermit zu folgenden Punkten auf:

– Ich fordere eine sachliche Berichterstattung

– unter Verzicht auf Diffamierung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – und des Zeichnens von Feindbildern.

Weiter fordere ich:

– Eine objektive Berichterstattung über die aktive Einflussnahme der US-Regierung, der NATO, der EU, des IWF und westlichen Think-Tanks bei internationalen Krisenentwickelungen

– und das vehemente Eintreten für Friedensverhandlungen und Waffenruhen.

Liebe Redakteure des Spiegels, wenn ihr dieser journalistischen Verantwortung nicht nachkommt, fordere ich euch, eure Familie und Freunde dazu auf, euch freiwillig zu den kommenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr zu melden. Das ist ein Krieg den ihr herbeischreibt, wir wollen ihn nicht!

Wir können den Tod von Olga und den andern Passagieren der MH17 nicht mehr rückgängig machen. Wir können aber verhindern, dass in diesem Krieg in der Ukraine und überall auf der Welt noch mehr Menschen sterben müssen.

Schön, dass wir heute hier stehen und jeder einzelne sich so für den Frieden einsetzt!